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Ein Interview mit Kemal Okuyan, Generalsekretär der TKP, zum 100. Jubiläum der Gründung der Sozialistischen Sowjetrepublik am Ende des Jahres (*)

„Wir taten es einmal,
können dies nochmals tun.“

Am 30. Dezember 1922 wurde die Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ratifiziert, was zu einer 70jährigen Epoche führte, in dem die Kräfteverhältnisse auf der Welt neu geordnet wurden. Nun begehen wir das 100. Jubiläumsjahr der Gründung der UdSSR. Was kannst du angesichts der aktuellen Lage der Welt über dieses Jubiläum und die historische Bedeutung der UdSSR sagen?

Seit etwa fünf Jahren feiern wir die 100. Jubiläen vieler Gründungen und fortschrittlichen Bewegungen, die die Ergebnisse der revolutionärsten Epoche der Geschichte der Menschheit waren. In dieser Epoche, die mit der russischen sozialistischen Revolution von 1917 eröffnet wurde, wurden Imperien erloschen, in Deutschland die Republik erklärt, viele Länder inklusive der Türkei ihre Unabhängigkeit erkämpft, die UdSSR und die Republik Türkei gegründet. Man sah kurzlebige Sowjetregierungen in Bayern, Ungarn Slowakei, Finnland, die denen in Russland ähnelten. Die Entstehung der kommunistischen Parteien überall auf der Welt ist auch eine der Ergebnisse dieser historischen Epoche.

Die Geburt der Kommunistischen Partei der Türkei im Jahr 1920 als die älteste politische Partei der Türkei fiel in derselben Atmosphäre. All diese sind mit einander verbundene Ergebnisse, die durch gegenseitige Einflüsse stattfanden. Hier sprechen wir von einer grandiosen Antwort der Arbeiterklasse, armen Bauern, unterdrückten Völkern zu den von der Ersten Weltkrieg ausgelösten tiefen Krise und gigantischen Zerstörung. Die Gründung der UdSSR fünf Jahre nach der Oktoberrevolution in einer relativ großen Erdfläche bedeutete gleichzeitig die Klarwerdung ihres aufbaufähigen Charakters nach dem Sturz des Alten und Verstaubten. Die UdSSR zwischen 1922 und 1991 ist -egal wer was sagt- eine großartige Erfahrung aus der Sicht der Menschheit.

Die UdSSR wurde doch im Jahr 1991 zerfallen. Viele deuten diese Erfahrung als ein Misserfolg. Ist die Bewertung, dass es probiert wurde aber als Fehlschlag endete, ausreichend zur Erklärung der UdSSR?

Die geschichtlichen Gegebenheiten, politische Bewegungen, Persönlichkeiten dürfen nicht so betrachtet werden. Der Sturz der UdSSR ist eine große Enttäuschung, eine große Tragödie und aus diesem Blickwinkel durchaus ein Misserfolg. Trotzdem darf die UdSSR nicht zu einem Misserfolg reduziert werden. Und zwar deshalb nicht, weil die Zielsetzung der UdSSR die Gründung einer egalitären Gesellschaftsordnung, in der die Unterschiede der Klassen verschwinden, war. Dies war ihre Grundphilosophie. Hier gibt es kein Misserfolg. Ganz im Gegenteil, die Menschheit war zu einer Gesellschaft ohne Klassen, ohne Ausbeutung noch ie so nahgekommen. Übrigens hat der Sturz der Sowjetunion gar nichts mit dieser Zielsetzung und Ideal zu tun. Das heißt, die UdSSR ist nicht gestürzt, weil Gründung einer egalitären Gesellschaft nicht möglich ist. Die UdSSR wurde aufgrund der Fehler der regierenden Partei in dem Kampf für eine egalitäre Gesellschaft und aber auch durch die Angriffe der feindlichen imperialistischen Kräfte gestürzt. Sie können sagen, was sie wollen, die UdSSR ist nicht erfolglos, nicht nur weil sie in Wissenschaft, Bildung, Gesundheit, Kultur und Kunst, Industrialisierung und ähnlichen Bereichen das Unglaubliche errungen hatte, sondern auch weil sie gigantische Schritte getan hatte, um viele gesellschaftliche Probleme wie die Arbeitslosigkeit, gesellschaftliche Ungerechtigkeit, Hunger, Obdachlosigkeit u. ä. zu lösen. Da all diese Errungenschaften weder gelogen, noch übertrieben sind, darf die UdSSR nicht zu einem Misserfolg reduziert werden. Und die UdSSR-Erfahrung inspiriert heute noch die Menschheit.

Wir sehen, dass die Revolution im Norden zwei Monate nach der Austilgung des Sultanats (in der Türkei) vorankam und gleich im nächsten Jahr die Republik in unserem Land proklamiert wurde. Das Schicksal der zwei benachbarten Länder wurde beinahe zusammen bestimmt. Wie profitierten diese zwei unterschiedlichen Revolutionen voneinander?

Die sozialistische Macht in Russland und die Bewegung im Anatolien hatten zwei verschiedene Ideologien und verschiedene Klassencharaktere aber sie waren die Früchte derselben revolutionären Welle.  In der damaligen Phase platzierten sich alle Akteure unvermeidlich in eine der Fronten der Revolution und Konterrevolution. Zeitweise wurden sie von einer Seite zu der anderen getrieben. Zum Beispiel die russische Menschewikin, die 1917 ein Bestandteil der revolutionären Front waren, wurden innerhalb von ein paar Jahren eine der schauderhaftesten Elemente der Konterrevolution. Die Allianz zwischen Bolschewiki und Kemalisten ist, trotz aller Schwierigkeiten und Vorbehalte, eine der stabilsten Kooperationen der damaligen Phase. Erfolg des nationalen Kampfes (in Anatolien) wäre ohne die militärische, soziale und ökonomische Hilfe der Sowjets nicht möglich. Es muss auch gesagt werden, dass auch die Sowjetmacht manche ganz große Schwierigkeiten Dank des Verhaltens der Regierung in Ankara überwinden konnte. Die gegenseitigen Versprechen wurden gehalten und daraus resultierten Ergebnisse, die für unsere Region, sogar für die ganze Welt wichtig waren. Schritt vor Schritt trennten sich die Wege später. Die verschiedenen Ideologien, Klassengrundlagen führten beiden Länder zu ihrem natürlichen Lauf. Die Spuren und Einflüsse der Phase von 1917-24 blieben aber immer spürbar.

Ich möchte gerne fragen, weil viel darüber diskutiert wird… Kannst du diese Beziehung, d. h. die Zusammenarbeit von zwei Ländern, die revolutionäre Sprünge machten, in der Vergangenheit mit der heutigen Zusammenarbeit der Türkei mit Russland in einigen Angelegenheiten vergleichen? Was ist der Unterschied?

Der Unterschied ist groß. Wir können angesichts der beiden Länder keine Ähnlichkeiten wie vor 100 Jahren feststellen. Das heutige Russland ist nicht ein sozialistisches, sondern ein kapitalistisches Land. Viele Werte, die die Gründung der Republik Türkei geprägt hatten, sind in der heutigen Türkei nicht „an der Macht“. Abgesehen davon unterscheiden sich die heutigen Türkei und Russland von denen in 1920er Jahren, weil sie denselben Klassenbasis und ähnliche Ideologien haben. Aber die Diktaturen des Kapitals und die Ideologien als ihre Reflexion führen nicht zu den standhaften Freundschaften, sondern zu den Risiken der Konkurrenz und Konflikt. Trotzdem hat die Zusammenarbeit zwischen Russland und der Türkei viele positive Aspekte für unsere Region und auch für die Welt. Vor allem ist es eine gute Sache, dass das Gewicht der NATO und der USA in der Region reduziert wird. Nun in beiden Ländern herrschen unbarmherzige Ausbeutung und Ungleichheiten. Man darf nicht träumen, weil diese Zusammenarbeit einen Charakter hat, der diese Ausbeutung und Ungleichheiten reproduziert. Für beide Länder – aber da wir die Partei der Türkei sind, darf unser Ziel und Anspruch, das System der Ausbeutung zu stürzen nie aus den Augen verlieren. Der Kampf gegen den Imperialismus, der Kampf gegen die NATO und der Kampf gegen die Macht des Kapitals sind eine dialektische Einheit. Wenn Ihr die eine vergisst stolpert ihr hinter dem Anderen.

Kommen wir zurück zu den Jubiläen, das bevorstehende Jahr 2023 ist das 100. Gründungsjahr der Republik… politisch gesehen betonst du von Zeit zu Zeit die Wichtigkeit des Jahres 2023, indem auch die Wahlen stattfinden werden. Du sagst aber gleichzeitig, dass es nicht allein um die Wahlen geht…

Eine Befreiung, nur durch die Wahlen zu erwarten ist Träumerei. Das Schicksal von jedem Land wird durch gesellschaftliche, klassenspezifische Kämpfe bestimmt. Diese können Auswirkungen zu den Wahlen haben oder nicht. In diesem Sinne gibt es in der Türkei nicht ein einziges Jahr, das nicht kritisch war, und es wird auch keins geben. Zweifelsohne hat 2023 eine besondere Wichtigkeit. An dem 100. Gründungsjahr bekunden alle Parteien ein Projekt in ihrer ideologischen Richtung. Die systemtreuen politischen Parteien haben keine Chance, etwas Neues vorzuschlagen. Wir aber haben ein Projekt für ein industrialisiertes, wohlhabendes, unabhängiges, laizistisches Land. Insofern messen wir dem 2023 eine Bedeutung bei. Wir sagen, aufs Neue, „2023 aufs Neue!“. Dieses Jahr werden die Wahlen stattfinden. Angesichts der nahenden Wahlen beginnen die systemtreuen Parteien mit ihren leeren Versprechen, um die Wähler: innen zu täuschen. TKP zaubert dagegen kein Kaninchen aus der Hut. Sie teilt ihre Idee, schlägt eine realistische Befreiung vor. Sie teilt ihr Herz, organisiert die große Befreiung, die die Quelle von Hoffnung und Elan ist. Sie teilt ihr Gewissen, verteidigt eine neue Ethik, ein neues Wertesystem.

TKP vollzieht eine große Organisierungsarbeit und verbreitet sich überall im Land. Diese intensive Anstrengung gibt Hinweise zu ihrer Wahlstrategie. Wenn wir konkreter sagen, wie nähert sich TKP, die „2023 aufs Neue!“ sagt? Was sind die allgemeinen Ziele der TKP bei den Wahlen?

Die Verbreitung der TKP überall in der Türkei und Eröffnung von Büros in jeder Woche in mehreren Ortschaften hat mit den Wahlen nichts zu tun. Wir haben gesagt, dass wir überall, wo sich Armen und Unterdrückten sich befinden, die Solidarität und den Kampf organisieren, die Hoffnung hegen würden. Wir harren auf dieser Zielsetzung. Auf der anderen Seite bereiten wir uns auf die Wahlen mit großem Anspruch. Wir behaupten, die Stimme des Patriotismus, Gleichheit und Laizismus wird so laut schallen wie nie zuvor. Wir intensivieren unsere Arbeit um uns zu verstetigen und die sozialistische Alternative weiter zu konkretisieren. In Kürze werden wir unsere Politik, was die Wahlen betrifft, detailliert mit der Öffentlichkeit teilen.

Also, können wir deine Wünsche für das Neujahr hören?

Lasst uns die Hoffnung nie verlieren, nicht von unserem Volk, nicht von der der Menschheit. Ganz im Gegenteil, lasst uns zusammenrücken um diese Finsternis zu überwinden. Wir taten es einmal, können dies nochmals tun.  2023 soll unserem Volk, der ganzen Menschheit Aufklärung, Gleichheit, Freiheit und Wohlstand bringen.

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(*) Dieses Interview wurde am 20. 12. 2022 an dem Internetportal der TKP, Haber soL veröffentlicht (https://haber.sol.org.tr/haber/soylesi-kemal-okuyan-yaptik-yine-yapariz-360597)